Das Stahlröhrenwerk Lierenfeld
Die 1860 von den Familien Poensgen aus der Eifel nach Oberbilk verlegten und 1871 in der Düsseldorfer Röhren- und Eisenwalzwerke AG (DREW) vereinigten Stahl-, Blech- und Draht- sowie Röhrenwalzwerke konnten dort bereits zehn Jahre später nicht mehr erweitert werden, da
der Platz dort nicht ausreichte.
1872 begann die DREW mit dem Bau einer zweiten Betriebsstätte am Waldgebiet „Bilker Busch“ in Lierenfeld. Dazu gehörten ein Blechwalzwerk, zwei Röhrenwerke und zwei Ziegeleien, außerdem ein Werkmagazin, ein Verwaltungsgebäude und ein Anschlussgleis an die damalige Köln-Mindener Eisenbahn, ferner etwa 14 Arbeiterwohnhäuser. Einschließlich der Bauarbeiter wurden 1.100 Personen (davon mehr als 500 in der Produktion) beschäftigt, die 35 Mio Pfund Roheisen verarbeiteten und Waren im Wert von knapp 3 Mio Taler an fremde
Abnehmer absetzten.
Die Produktionskapazitäten und auch der Bestand an Werkswohnungen wurden ab 1875 immer wieder erweitert und modernisiert, die Produktion bis in die letzten Jahre vor der Stilllegung des Werkes im Jahre 1988. Nach bzw. neben dem Mannesmannröhren-Werk in Rath war Lierenfeld das leistungsstärkste Nahtlos-Röhrenwerk in Europa. In der Spitze zählte das Werk rund 5.000 Beschäftigte. Während des Zweiten Weltkrieges arbeiteten hier etwa 2.000 ausländische Zivilarbeiter:innen und Kriegsgefangene verschiedener Nationen.
Das Unternehmen ist wiederholt aufgrund seiner Sozialleistungen, seiner Werksfürsorge und der Sportförderung ausgezeichnet worden. Die Produkte hatten eine sehr hohe Qualität und wurden weltweit verkauft. Auf den großen Düsseldorfer Ausstellungen von 1880 und 1902 sowie 1926 wurden den vom Werk Lierenfeld präsentierten Blechen und Rohren, seit 1910 auch nahtlos gewalzte Stahlrohre, hohe Auszeichnungen zuerkannt.
Als Spezialist tat sich das Walzwerksunternehmen in einer kartellisierten Wirtschaft schwer. 1910 schlossen sich die DREW dem Unternehmen Phoenix an und wurden als Abt. DREW weitergeführt. Während des Ersten Weltkrieges wurden auf Anweisung von Ernst Poensgen keine ausländischen Arbeitskräfte eingesetzt. Die Zeit danach war durch Streiks, Kohleknappheit, Auftragsmangel, Stilllegungen und Entlassungen geprägt.
Von den Vereinigten Stahlwerken bis zu den Mannesmannröhren-Werke
1926 wurde die DREW mit dem Phoenix in die neu gegründete Vereinigte Stahlwerke AG integriert. Das nicht mehr rentabel arbeitende Gasrohrwerk wurde geschlossen und die Produktion auf die Herstellung von Nahtlosrohren, Druckbehältern und Stahlflaschen konzentriert. 1934 wurden die Röhrenwerke der Vereinigten Stahlwerke in der Betriebsgesellschaft Deutsche Röhrenwerke AG vereinigt. Lierenfeld gehörte zur Gruppe Poensgen.
Während des Krieges wurden die Produktionsbetriebe nicht schwerwiegend getroffen. Allerdings wurde erst im Februar 1946 die Erlaubnis zur Wiederaufnahme der Produktion erteilt. Die zunächst befohlene Volldemontage konnte verhindert werden. Abgegeben werden mussten das Press- und Ziehwerk, die Fertigungsanlage für Leichtmetallflaschen und zwei Nahtlos-Walzwerke. Letztere wurden durch modernere und leistungsfähigere Anlagen ersetzt. Von 1948 bis 1970 gehörte Lierenfeld erst zur Rheinischen Röhrenwerke AG, dann zur Phoenix-Rheinrohr AG und schließlich zur Thyssen Röhrenwerke AG. 1970 brachten Thyssen und Mannesmann ihre Röhrenwerke in die neu gegründete Mannesmannröhren-Werke AG ein. Bereits ab 1951 waren Fertigungsanlagen von Oberbilk nach Lierenfeld verlagert worden. Obwohl die
Kapazitäten des neuen Unternehmens nicht ausgebaut, sondern Werke geschlossen wurden, hatte man mit großen Überkapazitäten am Weltmarkt sowie wirtschaftlich nicht vertretbaren Verkaufspreisen zu kämpfen. Nach wenigen guten Jahren häuften sich die Verluste. Schließlich sah man den einzigen Ausweg in einem radikalen Rückbau des Personals und der Produktionskapazitäten. Davon war auch Lierenfeld betroffen. Bis 1987 wurde hier das letzte Poensgen-Werk stillgelegt. Das fast 50 Hektar große Werksgelände wurde saniert und für eine
andere gewerbliche Verwendung nutzbar gemacht.
Zwei Jahre später erhielt Mannesmann über ein Bieterverfahren den Zuschlag für das erste deutsche private Mobilfunknetz D2. Die britische Vodafone erstand die Mannesmann AG im Jahre 2000 nach einer „Übernahmeschlacht“ für den Kaufpreis von 190 Milliarden Euro und zerschlug den Konzern. An die traditionsreiche Röhrenfertigung und den ehemaligen Stahlstandort Lierenfeld erinnert heute nur noch die frühere Lehrwerkstatt, in der sich seit 1993 die Musiklocation „Stahlwerk“ etabliert hat.